Auch das Handwerk wird digital

Softwareunterstützung auch in der Fertigung. Foto: 3E-Datentechnik

Der Begriff Industrie 4.0 ist in den vergangenen Jahren fast schon zu einem geflügelten Wort geworden.

Er steht für die Digitalisierung und Vernetzung der gesamten industriellen Wertschöpfungskette. Natürlich macht die Digitalisierung nicht vor dem Handwerk halt und fordert auch hier ein Umdenken. Nachfolgend stellen wir einige der besonderen Herausforderungen für das verarbeitende Handwerk vor: Viele Produkte werden zunehmend intelligenter. So bindet Smart Home vereinfacht gesagt Fenster und Türen in Hausnetzwerke ein. Auch wenn das interaktive High-Tech-Fenster noch wie Zukunftsmusik klingt, wird es über kurz oder lang die Präsentation von Multimediainhalten ermöglichen. Mit anderen Worten: Das Fenster lässt sich künftig als Rechner nutzen, man geht über das Fenster ins Internet oder nutzt es als Fernsehgerät. Kunden erwarten, dass der moderne Handwerker auch hierbei ihr kompetenter Ansprechpartner bleibt.

In den Innungen des Glaserhandwerks beispielsweise hat man diese Herausforderungen längst aufgenommen und in der „Glaser Agenda 2030“ neue Berufsbildungsinhalte formuliert. So wird es ‚den‘ Glaser in der Zukunft sicherlich nicht mehr geben. Vielmehr entwickelt er sich weiter zum Glastroniker, Fenstroniker, Glasarttroniker oder Fahrzeugglastroniker. Auch die Meisterausbildung wird sich selbstverständlich den neuen Herausforderungen anpassen. Bereits seit einigen Jahren kooperiert der Bundesinnungsverband erfolgreich mit der Handwerkskammer Koblenz, sodass jeder Jungmeister heute die Weiterbildungseinrichtung in Hadamar auch als qualifizierte Elektrofachkraft verlässt.

Doch Fachwissen ist nur eine wichtige Komponente. Genauso wichtig sind ausgeprägtes unternehmerisches und strategisches Denken, um im Wettbewerb bestehen zu können: Nur Gläser für ein bestimmtes Projekt zu bestimmen, war gestern. Heute kalkulieren angehende Meister ihre Aufträge von A bis Z und müssen selbstverständlich Aspekte wie Material, Mitarbeitereinsatz, Produktionskapazitäten oder auch Arbeitssicherheit bewerten können. Zunehmend werden sie dabei von modernen Softwareprogramme unterstützt.

„Im Glaserhandwerk sprechen wir heute über intelligente Gläser ebenso wie über die Umsetzung von Handwerk 4.0. Dabei sind die Schnittstellen zur Industrie 4.0 genauso wichtig wie die zu den Kunden, die wir in naher Zukunft beispielsweise über ein attraktives Glaserportal erreichen möchten“, beschreibt Stefan Kieckhöfel, Hauptgeschäftsführer BIV Bundesinnungsverband des Glaserhandwerks.

Vielseitige Software für Handwerker

In den zurückliegenden Jahren haben Softwareanbieter beispielsweise ihre Fensterbausoftware primär für große Verarbeiter konzipiert. Für kleinere Handwerksbetriebe kamen solch kostenintensive Lösungen nicht infrage. Sie blieben sprichwörtlich auf der Strecke und mussten weiterhin mit ihren „handgestrickten“ Programmen arbeiten. Doch die Softwarelösungen wurden weiterentwickelt. Heute gibt es gerade für kleinere und mittlere Handwerksbetriebe sogenannte Plug-and-Play-Lösungen, die sich in der Regel schnell und unkompliziert installieren und intuitiv bedienen lassen. Die Programme verwalten beispielsweise die Profil- und Beschlag-Stammdaten. Darüber hinaus leisten sie Unterstützung bei der Angebotserstellung und in der Auftragserteilung. Ebenso können die Glas- und Profilbestellung oder die Erzeugung der Zuschnittlisten über die Software abgewickelt werden. Solche Programme bieten dem Handwerker in vielerlei Hinsicht technische Assistenz, wenn sich beispielsweise auch das gesamte Thema CE-Kennzeichnung über die Software darstellen lässt.

Die Optimierung eines Betriebes berührt aber natürlich noch viele andere Bereiche. Ein wichtiges Thema ist die innovative Planung der Routen zu den Kunden, denn Zeit ist nicht nur für den Handwerker bares Geld. Ein Anbieter von mobilen Navigationsgeräten bietet eine sogenannte SAAS-Lösung (Software-as-a-Service), die speziell für kleine Unternehmen mit zehn oder weniger Fahrzeugen konzipiert wurde.

Über die in den Fahrzeugen verbauten mobilen Navigationsgeräte wird eine Verbindung zum Satelliten hergestellt, der permanent die genauen Standorte an einen zentralen Rechner übermittelt. Auf einer Landkarte wird in Echtzeit dargestellt, wo sich die Monteure mit ihren Fahrzeugen gerade befinden und welche Routen sie fahren. In der Zentrale weiß man so genau, wie weit es ein Monteur vielleicht noch bis zum nächsten Kunden hat. Auch können kurzfristig eingehende Aufträge gezielt direkt zu dem Monteur übermittelt werden, der den kürzesten Anfahrtsweg zum Kunden hat. Die Software bietet zudem die Möglichkeit, dem Fahrer neue Aufträge direkt auf das Display des Gerätes im Fahrzeug zu schicken.

In Zeiten zunehmenden Verkehrs und permanent verstopfter Straßen kann eine Routenplanung so viel effektiver gestaltet werden. Und der einzelne Monteur muss seine Tagestour auch nicht mehr selbst planen – dies kann von zentraler Stelle aus geschehen. Eine integrierte Zeiterfassung sowie GPS-Ortungs-, Kommunikations- und Navigationsfunktionen bilden die Basis, um die jeweiligen Einsätze entsprechend abzustimmen und mithilfe berechneter Routenvorschläge die Wege und Zeiten zu optimieren. Am Ende lassen sich so Zeit und Kosten für teuren Kraftstoff sparen.

Die Software ist so konzipiert, dass sich die gesamten Fuhrparkdaten über eine Schnittstelle auch in eine bereits vorhandene Bürosoftware – z.B. für die Lohnabrechnung oder die Tourenplanung – integrieren lassen.

Das Kauf- und Informationsverhalten ändert sich

Längst hat die Digitalisierung die heimischen Wohnzimmer der Verbraucher erreicht. Entsprechend hat sich auch das Kaufverhalten der Menschen verändert. Viele Dinge des täglichen Lebens werden heute selbstverständlich online gekauft.

Dabei sind digitale Handwerksportale für Fenster und Türen, die sich um den gesamten Support inklusive der bundesweiten Montage kümmern, heute eher noch Exoten. Natürlich werden auch hier wie bei jedem anderen Onlinegeschäft Erstinformationen bequem von zuhause über Smartphone, Tablet oder Rechner eingeholt und auch die Konfektionierung der Bauelemente erfolgt online.

Gegenwärtig bestellen zwar nur überwiegend internetaffine Kunden ihre Fenster und Türen online, doch da die Portale immer komfortabler werden, dauert es vielleicht noch maximal fünf bis acht Jahre, bis sich in dieser Branche der bequeme Onlinekauf im großen Stil durchsetzt. Auch dieser Trend stellt viele Handwerksbetriebe vor neue und große Herausforderungen.

Wie sich ein mittelständischer Glas- und Fensterbauer konkret all diesen Herausforderungen stellt, beschreibt Tim Stebani, Geschäftsführer von Glas Stebani in Essen. Vor 70 Jahren wurde das Handwerksunternehmen gegründet. Immer wieder mussten die Verantwortlichen in diesen Jahren auf geänderte Marktbedingungen reagieren. „Die Anforderungen an die Produkte werden immer komplexer, sodass wir zunehmend gefordert sind, uns Kompetenzen auch aus anderen Gewerken zu holen. So konnte in den vergangenen Jahren ein interessantes Netzwerk beispielsweise rund um Fenster und Fassade entstehen, auf das wir praktisch jederzeit zugreifen können“, beschreibt der Geschäftsführer.

Konkret auf die Digitalisierung angesprochen, sieht Tim Stebani für sein Unternehmen vor allem die Kombination aus Onlineshop und persönlicher Beratung als Stärke. Viele Kunden kaufen nach seiner Einschätzung komplexe Bauelemente nach wie vor lieber regional. Dieser „Standortvorteil“ kommt dem Fachhandwerk insgesamt zugute. Trotzdem müssen die Betriebe ihren Kunden natürlich die Möglichkeit bieten, sich umfassend online zu informieren. Und sie müssen Antworten auf den drohenden Fachkräftemangel finden, um gerade die persönliche Bindung zum Kunden oder auch kurze Lieferzeiten weiterhin garantieren zu können.

Softwareunterstützung auch in der Fertigung.
Foto: 3E-Datentechnik

Links:

https://telematics.tomtom.com/handwerk
https://www.3e-it.com/
https://www.glasstebani.com/
www.glaserhandwerk.de

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